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Technik Talk・ 26. März 2021


Dieter Dänzer

© Dieter Dänzer


Technik Talk: Großaktionär stellt Forderungen

Zoff bei AGCO

Liebe Leserinnen und Leser,

dieser Tage haben die Aktionäre von AGCO ihre Einladungen zur Jahreshauptversammlung am 22. April am Unternehmenssitz in Duluth erhalten, im Grunde ein völlig normales – und bei dem aktuellen Höhenflug der Aktie ein erfreulich zu erwartendes Ereignis. Im Vorfeld bekamen sie jedoch auch schon mehrfach Dokumente von der US-amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde SEC zur Kenntnis – sogenannte Schedule-13D-Erklärungen, die auch als „Langzeitberichte über das wirtschaftliche Eigentum“ bezeichnet werden. Diese müssen beispielsweise innerhalb von zehn Tagen bei der Behörde eingereicht werden, wenn eine Person oder Gruppe mehr als fünf Prozent der Aktien eines Unternehmens erwirbt, oder auch, wenn ein anderes Ereignis mit gravierenden Auswirkungen für das Unternehmen es erforderlich macht.

Wer die beiden Erklärungen vom 24. November 2020 sowie vom 2. März 2021 zu Gesicht bekommen hat, wird mir zustimmen, dass sie sinnbildlich gesprochen „jede Menge Sprengstoff in sich bergen“. Eingereicht wurden sie jeweils von „Tractors and Farm Equipment Limited“, kurz TAFE, respektive deren CEO, Frau Mallika Srinivasan: Gemeinsam halten sie 16,2 Prozent der AGCO-Aktien. Nur noch zwei weitere Unternehmen halten mehr als fünf Prozent, nämlich „The Vanguard Group“ mit 7,4 und „BlackRock, Inc.“ mit 7 Prozent. Frau Srinivasan gehört im Übrigen bereits seit Juli 2011 dem Aufsichtsrat von AGCO an. Der Kauf von Aktien durch TAFE im nennenswerten Umfang – Mallika Srinivasan ist seit Dezember 2019 die Vorsitzende und Geschäftsführerin des zweitgrößten Traktoren-Herstellers Indiens, war dort aber zuvor bereits seit 1986 in verschiedenen Führungspositionen – erfolgte dagegen erst im Jahr 2012.

TAFE ist größter Einzelaktionär, aber auch strategischer Zulieferer von AGCO und MF-Lizenznehmer

Was man in den 13D-Erklärungen zu lesen bekommt, ist schon starker Tobak. In der vom November 2020 ging es hauptsächlich darum, dass mit dem Wechsel von Martin Richenhagen in den Ruhestand und der Übertragung seiner Aufgaben auf Eric Hansotia, die Kompetenzbündelung beendet, sprich die Funktionen President, Aufsichtsratsvorsitzender und CEO nicht mehr allein durch eine Person wahrgenommen werden sollten. Das amerikanische Börsenrecht lässt es grundsätzlich zu, dass sich die Unternehmensleitung faktisch selbst kontrolliert – ein Ding der Unmöglichkeit in Deutschland.

TAFE stellte diese Forderung seinerzeit unter anderem mit dem Hinweis auf, dass die Rollentrennung der eindeutig dominierende Trend in amerikanischen Unternehmen sei, wenn ein neuer CEO ernannt werde – in über 90 Prozent wäre dies in den letzten Jahren der Fall gewesen. Daneben wurde Eric Hansotia in der Erklärung als zu unerfahren für die Dreifach-Funktionsrolle angesehen – die anstehenden und zu bewältigenden unternehmerischen Herausforderungen würden allein schon seine ganze Aufmerksamkeit als CEO beanspruchen. In diesem Zusammenhang wurde außerdem noch die Besetzung des Aufsichtsrates heftig kritisiert. Es hätten zu viele Personen eine zu lange Amtszeit. Andere wiederum würden nicht über die geforderte Branchenexpertise verfügen – mit den Konsequenzen, dass der Aufsichtsrat seine Kontrollfunktionen nur unzureichend erfüllt habe. Deshalb wurde eine regelmäßige personelle Erneuerung des Aufsichtsrates und die Begrenzung der Amtszeit auf zehn, maximal zwölf Jahre gefordert. Letztere Forderung kommt mir etwas skurril vor, schließlich stellt sich Mallika Srinivasan selbst im April wieder zur Wahl, obwohl sie diesem Gremium bereits zehn Jahre angehört!

AGCO pariert Vorwürfe

AGCO reagierte auf diesen Forderungskatalog übrigens im Februar mit einer offiziellen eigenen Erklärung an die Investoren: man titulierte darin eine Reihe der Aussagen als irreführend. Und führte dazu aus, dass fünf der Aufsichtsratsmitglieder mit ausdrücklicher Zustimmung von Frau Srinivasan seit 2017 neu ernannt wurden und sich drei weitere auf der Jahresversammlung 2021 nicht zur Wiederwahl stellten, so dass die durchschnittliche Amtszeit der Gremiumsmitglieder ab Mai voraussichtlich weniger als sechs Jahre betrage.

Als eine Art Befriedungsversuch könnte man interpretieren, dass man seitens AGCO das international agierende und in Frankfurt beheimatete Personalberatungsunternehmen Egon Zehnder beauftragt habe, um passende Kandidaten zu identifizieren, die mit den strategischen Zielen im Einklang stünden. Nach sorgfältiger Prüfung habe der Governance-Ausschuss mit Frau Srinivasan als Gast diesen Plan einstimmig genehmigt.

Kirsch und Deml scheiden aus

Als erste Ergebnisse dieses Plans begrüßte der Aufsichtsrat – wiederum einschließlich Frau Srinivasan – die Aufnahme von Bob De Lange, Group President, Services, Distribution und Digital, bei Caterpillar Inc. und Matthew Tsien, Executive Vice President, Chief Technology Officer bei General Motors (GM) und President von General Motors Ventures. Ersterer bringe umfassende Erfahrung in den Bereichen Digitalisierung und Vertrieb, Letzterer wichtige Fachkenntnisse in den Bereichen Technologie und Produktentwicklung in den Verwaltungsrat ein. Mit dem Aufsichtsratsmitglied Mike Arnold, ehemaliger President und CEO von Ryerson, wurde im Übrigen bereits ein neuer Leitender Direktor bestellt.Des Weiteren seien die Vorschläge von TAFE, wie die Rotation der Führungsrollen im Aufsichtsrat und die Festlegung von Amtszeitbeschränkungen von Führungspositionen von einer breiteren Aktionärsbasis in der jüngsten Engagementrunde positiv bewertet worden.

Dass zwei der drei ausscheidenden Aufsichtsräte aus Deutschland stammen, nämlich der frühere DZ-Bank-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Kirsch und der frühere BayWa-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Deml – bei dem Dritten handelt es sich um den ehemaligen Caterpillar-Presidenten Gerald Shaheen – ist wiederum für Brancheninsider ein wesentlicher Baustein, dass sich AGCO seit der Amtsübernahme durch Eric Hansotia auf einem eindeutigen „Amerikanisierungs-Kurs“ befinde. Aber dies ist eine ganz andere Baustelle, die einen eigenen Kommentar wert wäre.

März-Erklärung von TAFE liest sich wie eine Generalabrechnung mit der Ära Richenhagen

Wenn man die bereits mit Zustimmung von Mallika Srinivasan umgesetzten Maßnahmen im Hinterkopf hat, dann wirken verschiedene der in der März-Erklärung erhobenen TAFE-Forderungen irgendwie grotesk. So wird nämlich unter anderem ein neuer Lead Independent Director gefordert – dabei wurde ja vor kurzem erst Mike Arnold dazu ernannt. Außerdem solle AGCO drei neu Aufsichtsratsmitglieder bestellen, die von TAFE empfohlen wurden. Man bezeichnet zwar die jüngst umgesetzten Aktivitäten als ermutigend, seitens TAFE habe man jedoch das Gefühl, dass noch weitere Veränderungen notwendig wären. Als langfristiger strategischer Investor habe man das Ziel, konstruktiv mit dem Management und dem Vorstand zusammenzuarbeiten, um einen langfristigen Wert für alle Aktionäre zu schaffen und aufrechtzuerhalten und es AGCO zu ermöglichen, die potenziell verheerenden Auswirkungen des nächsten zyklischen Abschwungs zu mildern.

Gleichzeitig wird dem AGCO-Management in der März-Erklärung vorgeworfen über die letzten zehn Jahre hinweg strategisch diverse Fehler gemacht zu haben – der Name von Martin Richenhagen taucht übrigens in deren Aufzählungen nicht einmal auf:

  • AGCO habe in diesem Zeitraum seinen Platz als Nummer 3 der Branche an Kubota verloren. In Brasilien hätte sich der Marktanteil nahezu halbiert, in Nordamerika konnte kein Boden gut gemacht werden und das Investment in China sei bislang erfolglos geblieben.
  • Die Investitionen in GSI hätten sich überhaupt nicht ausgezahlt.
  • Das Mähdrescher-Projekt IDEAL liefere immer noch keine zufriedenstellenden Resultate.
  • Im Vergleich mit den vier Marktbegleitern John Deere, Kubota und CNH Industrial seien sowohl die Entwicklung von Umsatz als auch operativer Marge nachweislich am schlechtesten gewesen.
  • Das Unternehmen habe sein langfristiges operatives Margenziel nicht erreicht, weil die Kostenstrukturen ineffizient seien.

TAFE: Starke Position nur in Nicht-Wachstumsmarkt Europa

Was nicht verheimlicht wird in der Erklärung ist, dass AGCO in Europa eine starke Position hat. Betont wird jedoch, dass es sich dabei allerdings nicht um einen Wachstumsmarkt handle. Der aktuell hohe Aktienkurs wird alleine der guten weltweiten Nachfrage nach Landtechnik zugeschrieben und werde nicht ewig anhalten.

Wie sieht nun mein Fazit aus? Dass längst nicht alles golden glänzt, was AGCO in der Ära Richenhagen angepackt hat, muss man nicht weiter zerkauen. Dass TAFE mit den beiden Erklärungen versucht, die restlichen Aktionäre im Vorfeld der Jahreshauptversammlung zu beeinflussen, um die eigenen Interessen durchzusetzen, ist doch offensichtlich. Es wird interessant zu beobachten sein, wie diese darauf reagieren – es ist ja schließlich nicht von der Hand zu weisen, dass Frau Srinivasan über eine Dekade alle Entscheidungen mitgetragen hat als Aufsichtsratsmitglied von AGCO.

Ihr
Dieter Dänzer




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