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Technik Talk・ 08. Oktober 2021


Dieter Dänzer

© Dieter Dänzer


Treibhausgasemissionen

Geht es in der Landtechnik über „Grüne Kraftstoffe“ oder Strom?

Liebe Leserinnen und Leser,

egal welche Parteienkonstellation die künftige Regierung bilden wird, wenn es um den Klimaschutz, um die Minimierung von Treibhausgasen geht, sind die Leitplanken innerhalb derer sie sich gestalterisch bewegen können schon gesetzt! Alle 27 Mitgliedsstaaten der EU haben sich verpflichtet, die EU bis zum Jahr 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen. Auf dem Weg dahin wurde ein Zwischenziel formuliert: bis 2030 sollen die Emissionen um mindestens 55 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 gesenkt werden Darauf basierend, geistert deshalb der Slogan „Fit for 55“ mittlerweile durch alle Wirtschaftsmedien. Deutschland möchte im Übrigen hinsichtlich des Klimaschutzes eine Vorreiterrolle übernehmen und will das Ziel, sprich den CO2-Fußabdruck auf Netto Null zu reduzieren, bereits 2045 erreicht haben. 
 
Es gibt nicht wenige Mahner, die die Ziele für wenig realistisch angesetzt halten, angesichts der hohen notwendigen Investitionen, der sozialen Herausforderungen, des technischen Entwicklungsbedarfs sowie der politischen und regulatorischen Hürden. Andererseits sind Stimmen aus dem Energiesektor zu vernehmen, die der Meinung sind, dass man dies durchaus schaffen könne – beispielsweise Fabian Ziegler, der Geschäftsführer Shell Deutschland. Sein Vortrag auf dem Agritech Supplier Summit war dem rigorosen Umbau des eigenen Unternehmens gewidmet: „Wir sind bereit zu investieren. Wir machen unser Portfolio mit "grünen" Gasen und vor allem mehr Strom nachhaltiger. Und nicht minder wichtig: Wir wollen die konstruktive Auseinandersetzung und Zusammenarbeit für mehr und vor allem sauberere Energie. Denn darum geht es. Möge der Dialog weitergehen und damit die Energiewende.“

Shell Energy Deutschland (SEDG) – der Energiehandelsarm für Strom und Gas
Er machte kein Hehl daraus, dass der Weg für das Unternehmen ein steiniger sei. Schließlich bestünde keine absolute Klarheit darüber, ob es so etwas wie grünes Wachstum gibt, ob nur grüner oder zwecks Markthochlauf auch blauer Wasserstoff seinen Platz haben werde. Mit der Gründung der Shell Energy Deutschland, dem Energiehandelsarm für Strom und Gas habe man jedenfalls den Willen, die Zuversicht und eben auch den notwendigen Pragmatismus der Energiewirtschaft demonstriert, die Transformation voranzutreiben. Da bei der Verringerung der Treibhausgasemissionen der aus erneuerbaren Energiequellen gewonnene Strom eine herausragende Rolle spiele, will die Shell Gruppe diesen in den kommenden Jahren zu einer der tragenden Säulen des Geschäfts machen. So soll sich allein bis 2030 die Zahl der verkauften Terrawattstunden im Vergleich zu heute verdoppeln. Schon heute arbeite die SEDG mit jedem zweiten der größten deutschen Industrieunternehmen zusammen und kooperiere mit 150 Stadtwerken. Der Stromverkauf solle nun massiv wachsen und mit entsprechenden regenerativen Kapazitäten unterfüttert werden. Außerdem sollen nachhaltigere Gase wie Biomethan den Kunden helfen, ihren CO2-Fußabdruck zu senken.



Mit fortschreitender Energiewende baue Shell in Deutschland das Portfolio weiter um. Dazu gehörten auch Zukäufe wie der des Kölner Unternehmens Next Kraftwerke. Ebenso plane man eigene Strom-Produktion mittels Offshore Wind. Außerdem will Shell führender Anbieter von grünem Wasserstoff werden. Dafür plant man über die gesamte Wertschöpfungskette von der Herstellung bis zum Vertrieb tätig zu werden. Erst kürzlich hat Shell im Energy and Chemicals Park Rheinland Europas größte PEM-Wasserstoff-Elektrolyse zur Herstellung von grünem Wasserstoff in Betrieb genommen.

Ziegler betonte abschließend, dass die Shell Gruppe das globale Ziel habe, im Einklang mit der Gesellschaft bis 2050 ein Netto-Null-Emissions-Energieunternehmen zu werden. Mit allen Produkten, ergänzt um die Möglichkeit, Zertifikate für Klimaschutzprojekte zu kaufen, könne man künftig Unternehmen und kommunalen Versorgern maßgeschneiderte Dekarbonisierungsangebote machen.
 
Wissenschaftler prangern an, dass die Bundesregierung die Technologie-Neutralität verletze
Kritische Stimmen, die der Regierung eine zu einseitige Ausrichtung auf die E-Mobilität vorwerfen, gibt es auch zur Genüge. Eine davon gehört Professor Thomas Willner von der HAW Hamburg, der gemeinsam mit weiteren 58 Wissenschaftlern in einem offenen Brief anprangert, dass sie die Technologie-Neutralität verletze mit der Dreifach-Anrechnung von THG-Einsparungen von Elektrofahrzeugen: „Klimaschutzpolitik muss drei Kriterien erfüllen: kein Export von THG-Emissionen, keine Verzögerung und ein zügiger Rollout neuer Technologien. Diese Kriterien werden von Elektromobilität keinesfalls erfüllt, von alternativen Kraftstoffen aber sehr wohl.“

Als Vorreiter für eine klimaneutrale Mobilität abseits der Straßen sieht Dr. Frank Hiller die Deutz AG. Der CEO betonte mir gegenüber in mehreren Gesprächen, dass alternative Antriebe wie der kürzlich vorgestellte neue Wasserstoffmotor dabei eine tragende Rolle spielen werden. Dieser soll übrigens bereits im kommenden Jahr in die Serienproduktion gehen. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die Pläne der Strom- und Gasnetzbetreiber, gemeinsam an einer Wasserstoff-Infrastruktur für Deutschland zu arbeiten. Bis zum Jahr 2030 soll ein erstes Versorgungsnetz entstehen, das dann Schritt für Schritt zu einem deutschlandweiten Netz ausgebaut werde.
 
Traktoren- und Kraftstoffverbrauchszahlen sind strittig
Im Rahmen des Projektes Ekotech (Effiziente Kraftstoffnutzung in der Agrartechnik) wurde für Deutschland ein Bestand von 262.000 Traktoren ermittelt. Diese würden jährlich im Schnitt 457 Stunden laufen und dabei 14,9 Liter Diesel verbrauchen, hochgerechnet somit rund zwei Milliarden Liter. Diese Zahlen begegnen einem leider immer wieder in Veröffentlichungen – denn sie entsprechen in keinster Weise den Tatsachen!

Schließlich hätte den Autoren die ermittelte Traktorenbestandszahl alleine mit Blick auf die über 260.000 land- und forstwirtschaftlichen Betriebe als viel zu niedrig vorkommen müssen. Im Übrigen hätten sie überhaupt nichts ermitteln müssen, denn nach einer kurzen Googlesuche hinsichtlich des zugelassenen Traktorenbestandes wären sie auf die Homepage des BMVI gelangt, des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur. Beim Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) werden bekanntlich alle Fahrzeuge im Zentralen Fahrzeugregister erfasst, wobei sich der Bestand täglich ändert. Zum Stichtag erster Januar 2021 waren in Deutschland 2.301.166 Zugmaschinen registriert, also offiziell zugelassen. Darunter 1.554.730 land- und forstwirtschaftliche Zugmaschinen und 527.967 sonstige Zugmaschinen. Wir reden wohlgemerkt über offiziell zugelassene, versicherte Zugmaschinen. Jeder Insider weiß, dass dazu noch zigtausende kommen, die auf den Höfen als nicht zugelassene Traktoren vor beispielsweise Futtermischwagen als Selbstfahrer täglich im Einsatz sind. Dazu kommen noch die ganzen Mähdrescher, Häcksler, Roder, Pflanzenschutz-Selbstfahrer, Harvester, etc. – der in der Land- und Forstwirtschaft jährlich verbrauchte Dieselkraftstoff wird also um ein Vielfaches höher sein als die kolportierten zwei Milliarden Liter.
 
Deutlich mehr Glaubwürdigkeit genießen dagegen Aussagen, dass für die Speicherung des Energiegehalts eines Dieseltanks in Form von Strom in einer Batterie ein etwa zwölfmal größeres Batterievolumen und sogar ein 23-fach höheres Batteriegewicht zustande kämen.
 
Mit diesen Zahlen vor Augen dürften alle Leserinnen und Leser verstehen, warum es Sinn machen dürfte, für die Minderung der Treibhausgase in der Land- und Forstwirtschaft alle Wege hinsichtlich fortschrittlicher Biokraftstoffe zu verfolgen, wie Sprit oder Biogas aus Rest- und Abfallstoffen wie Gülle, Mist, Stroh oder kommunalen Bioabfällen. Gleiches gilt für so genannte E-Fuels, sprich mit Hilfe der Elektrolyse gewonnenem Wasserstoff, Power-to-Liquide- oder Power-to-Gas-Kraftstoffen (PtL, respektive PtG).
 
In einem der Technik Talks hatte ich ja schon mal angemerkt, dass beispielsweise das skandinavische Unternehmen Neste – es stellt synthetischen Kraftstoff aus Müll und sonstigen Reststoffen her – bereits eine CO2 Einsparung von bis zu 90 Prozent gegenüber fossilem Kraftstoff darstellen kann. Es wären also bereits Lösungen verfügbar. In unseren Nachbarländern sind diese synthetischen Kraftstoffe im Übrigen bereits öffentlich erhältlich, während hier von Regierungsseite alles getan wird, um dies zu verhindern, weil es nicht zur eigenen Ideologie passt. Armes Deutschland!
 
Ihr
Dieter Dänzer




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