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Technik Talk・ 13. Mai 2022


Dieter Dänzer

© Dieter Dänzer


Streik und Hackerattacke als weitere Störfaktoren

Agco und CNH noch stärker im Schwitzkasten

Liebe Leserinnen und Leser,

nach den mehr als zwei Jahre andauernden Coronabedingte Zulieferer- und Logistik-Engpässen hatten sich die Hersteller von Landmaschinen und deren Vertriebspartner mehr oder weniger gut mit deren Auswirkungen arrangiert. Wie nicht nur von mir vorhergesagt, kristallisiert sich der 24. Februar 2022, also der Tag des Beginns  von Putins Krieg in der Ukraine jedoch immer mehr als „Game-Changer“ heraus. Und wer in der Landtechnik-Branche gemeint hat, noch schlimmer könne es eigentlich gar nicht mehr kommen, sieht sich jetzt eines Besseren belehrt: So hat zum einen Agco seit mehr als einer Woche mit einer Hacker-Attacke zu kämpfen, die unter anderem dazu führte, dass die Produktion in den Fendt-Werken hier in Deutschland aber auch dem französischen Werk von Massey Ferguson komplett stillgelegt werden musste. Und zum anderen werden die nordamerikanischen Werke von CNH Industrial bestreikt.

Aber zu diesen neuen Störfaktoren komme ich später, anfangen möchte ich mit dem Megatrend der Landtechnik schlechthin, der Digitalisierung. Wobei zwischen der durch die vielen Veröffentlichungen in allen Medien indizierten Wahrnehmung und der Realität auf den landwirtschaftlichen Betrieben riesige Lücken klaffen. Diese zeigen die Ergebnisse der NITT-Trendstudie drastisch auf, die so umfassend wie bislang keine andere bekannte sehr breitgefächert alle möglichen Themengebiete und Fragestellungen im Zusammenhang mit dem aktuellen Stand der digitalen Infrastruktur, Smart-/Precision-Farming, Farm-Management-Informationssystemen oder auch den Digitalen Dienstleistungen abhandelt. Unser Beratungsverbund, der New Ideas Think Tank (NITT) hatte mit Unterstützung der agrarzeitung, Landwirt.com, 365-Farmnet, Nevonex, Xarvio, Neyer Landtechnik, der TU-München und Claas die Umfrage im Februar 2022 abgeschlossen. Mittlerweile ist die Trendstudie „Autonomie, Robotik und Vernetzung“ ausgewertet. Zwei Auszüge davon wurden bereits exklusiv in der agrarzeitung publiziert.

Alle fordern mehr Digitalisierung – die NITT-Trendstudie zeigt die Realität
Erst gestern gab der Geschäftsführer vom Fachverband Landtechnik im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Dr. Tobias Ehrhard, in Frankfurt/Main eine Erklärung zur Digitalisierung ab. So wolle die deutsche Landtechnikindustrie angesichts globaler Herausforderungen wie Nachhaltigkeit und Ernährungssicherung künftig stärker auf die „digitale Durchgängigkeit“ von Prozessketten achten, die bislang oft unter Insellösungen einzelner Hersteller leide. „Das Schlüsselwort lautet Interoperabilität.“ Dazu sei ein konsequentes Denken über den Tellerrand der eigenen Maschinen- und Systemwelt hinaus notwendig. Neben der Bereitschaft für digitale Veränderung erfordere dies vor allem rechtsverbindliche Datenprotokolle. Dass diese diskriminierungsfrei zugänglich sein müssen, verstehe sich für Ehrhard von selbst.




„Proprietäre Lösungen allein bringen hier niemanden weiter. Daher haben wir alle ins Boot geholt: Hersteller, Dienstleister, Landwirte und Verbraucher. Wir setzen auf eine Multi-Stakeholder-Community, denn der Nutzen wächst mit jedem zusätzlichen Akteur“, argumentierte Ehrhard. Ihm zufolge ist Interoperabilität dabei weit mehr als die mechanische, hydraulische oder elektronische Verbindung von Traktor und Gerät, die bereits tausendfach praktiziert werde. Über dieses Stadium habe sich die Landtechnik längst hinaus entwickelt. „Es genügt also keinesfalls, Maschinen, Softwaresysteme und Unternehmen lediglich an das Internet anzuschließen und miteinander zu verbinden“, betonte der Geschäftsführer. Vielmehr müssten alle Akteure befähigt werden, ganze Geschäftsprozesse und Datenpakete miteinander zu vernetzen und vollständig digital abzubilden.

Momentan hakt es allerdings an vielen Kleinigkeiten, wie die NITT-Trendstudie zeigt, die den Status quo in der Landwirtschaft abbildet, was die Bereiche Breitbandverfügbarkeit, Digitalisierung, Vernetzung, Autonomie und Robotik betrifft. Beteiligt hatten sich 415 Landwirte, Lohnunternehmer, Hersteller, Fachbetriebe, Agrarhändler und digitale Dienstleister.

Eine Erkenntnis ist, dass die Digitalisierung derzeit vor allem für Großbetriebe ein Thema ist. Darauf deutet zumindest ein Blick auf die im Schnitt bewirtschafteten 356 ha von den an der Umfrage teilgenommenen Landwirte und Lohnunternehmer hin. Die Verteilung der bewirtschafteten Flächen der Landwirte, die mitgemacht haben, weicht stark von der Grundgesamtheit der deutschen Landwirte ab. Im Jahr 2021 haben die Landwirte in Deutschland laut Statista durchschnittlich 63 ha bewirtschaftet, nur 13 Prozent von ihnen nutzen mehr als 100 ha. Von den sich an der Studie beteiligenden Landwirte bewirtschaften 62 Prozent (vs. 30 Prozent laut Statista) mehr als 50 ha, 49 Prozent (vs. 13 Prozent) mehr als 100 ha und 35 Prozent (vs. 4 Prozent) mehr als 200 ha. Damit haben an dieser Trendstudie überwiegend die für die Hersteller und Dienstleister besonders interessanten, da investitionsstärkeren, größeren landwirtschaftlichen Betriebe teilgenommen.

Hälfte nutzt Smart-/Precision-Farming, 8 von 10 Umfrageteilnehmer nutzen Lenksysteme
Von den teilnehmenden Landwirten und Lohnunternehmern nutzt mehr als jeder Zweite (55 Prozent) bereits Lösungen im Sinne von Smart-/Precision-Farming. Weitere 21 Prozent der Befragten planen dies oder diskutieren es zumindest. Für ein knappes Viertel (24 Prozent) ist der Einsatz von Precision-Farming/Smart-Farming derzeit hingegen kein Thema. Wie nicht anders zu erwarten, kommen vor allem Lösungen in der Außenwirtschaft zum Einsatz. Während jeder Teilnehmer, der Ackerbau/Marktfruchtbau/Futterbau und Smart-/Precision-Farming im Betrieb betreibt, dies auch in diesem Betriebsbereich einsetzt (100 Prozent), zeigt sich in anderen Bereichen ein weit geringer Einsatz.

Mit Abstand am häufigsten nutzen die Smart-/Precision-Farming-Anwender automatische Lenksysteme mit knapp 80 Prozent. Der Einsatz von digitalen (Acker-) Schlagkarteien folgt mit über 70 Prozent dichtauf. Danach werden ISOBUS-Lösungen, digitales Datenmanagement, Applikations- und Ertragskarten sowie digitale Wetterstationen genannt, die sich unter diesen Teilnehmern auf mindestens 50 Prozent der Betriebe im Einsatz befinden. Die höchsten Zuwächse innerhalb der nächsten zwölf Monate dürften laut den Befragten teilflächenspezifische Applikationen, digitales Datenmanagement sowie Applikations- und Ertragskarten mit 18 bis 22 Prozent aufweisen.

Wegweiser für Unternehmensstrategien
Da die NITT-Trendstudie alle möglichen Themengebiete und Fragestellungen im Zusammenhang mit dem aktuellen Stand der digitalen Infrastruktur, Smart-/Precision-Farming, Farm-Management-Informationssystemen oder auch den Digitalen Dienstleistungen behandelt, ist sie ein besonders wertvoller Ratgeber für Marketing- und Vertriebsverantwortliche sowie die Unternehmensleitung im Agribusiness. Für eine Schutzgebühr von nur 199 Euro (inkl. MwSt.) liefert sie fundierte Informationen zur Entwicklung der eigenen Unternehmensstrategie.

Bestellt werden kann sie über den nachfolgenden Link: https://newideasthinktank.de/trendstudie-autonomie-robotik-und-vernetzung-2022/

Digitalverband Bitkom und DLG weisen auf Skepsis der Datennutzung hin
Darauf, dass die Landwirte skeptisch sind, was das Teilen betriebsindividueller Daten angeht, ist im Übrigen ein Ergebnis einer repräsentativen Umfrage unter 500 landwirtschaftlichen Betriebsleitern im März 2022, die der Digitalverband Bitkom in Zusammenarbeit mit der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) durchgeführt hatte.

„Über Datenplattformen können in der Landwirtschaft enorme Potenziale gehoben werden“, zeigte sich Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder bei der virtuellen Vorstellung der Befragungsergebnisse überzeugt. Die allerwenigsten Betriebsleiter seien allerdings bereit, ihre betrieblichen Daten einfach so freizugeben. „Vielmehr erwarten sie im Gegenzug einen gewissen Return für das eigene Unternehmen“, erläuterte Rohleder. Als ein solcher Vorteil für den eigenen Betrieb werde von 70 Prozent der befragten Landwirte ein reduzierter bürokratischer Aufwand verstanden. Für immerhin 57 Prozent der Befragten würde sich die Weitergabe von Daten lohnen, wenn dadurch Schäden an Betriebsmitteln frühzeitig erkannt und behoben werden könnten. Was völlig zuwider den ganzen Digitalisierungsbestrebungen läuft ist, dass derzeit jeder siebte Betrieb keinesfalls der Industrie oder Wissenschaft betriebliche Daten zur Verfügung stellen wolle.

Hackerattacke legt Produktion in mehreren Agco-Werken still
Seit Ende letzter Woche ist ein Ereignis durch alle Medien gelaufen: der Landtechnik-Konzern Agco ist am 5. Mai Opfer eines Hacker-Angriffs geworden. Deshalb mussten unter anderem in den Fendt-Werken in Marktoberdorf und Bäumenheim sowie im Werk von Massey Ferguson im französischen Beauvais die Produktion eingestellt und die Mitarbeiter nach Hause geschickt werden. Wie der US-Konzern mitteilte, seien weltweit auch noch andere Werke von der Hackerattacke betroffen. Wie lange es dauere, bis der Betrieb voll und ganz wieder fortgesetzt werden könne, hänge davon ab, wie schnell es möglich sein werde, dass der Konzern seine Systeme repariert bekomme.

In einem Bericht der Allgäuer Zeitung vom 11. Mai ist zu lesen, dass die betroffenen deutschen Produktionsstätten von Fendt nächste Woche wieder in Betrieb gehen könnten: „‚Die Frühschicht sollte am Montag beginnen‘, sagen Mitarbeiter aus mehreren Fendt-Abteilungen in Marktoberdorf am Mittwochnachmittag von ihren Vorgesetzten darüber informiert, dass sie bereit sein sollten. Vom Unternehmen selbst wurde dahingehend bislang nichts offiziell verlautbart.

Streik in amerikanischen CNH Industrial-Werken
Seit 2. Mai mittags streiken über 1.000 Mitglieder der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) an den amerikanischen CNH-Standorten in Racine, Wisconsin, und Burlington, Iowa. Von UAW-Präsident Nick Guernsey ist zu lesen: „Ich denke, was CNH Industrial wieder an den Tisch bringen wird, ist, wenn sie anfangen, Geld zu verlieren, und sie werden es wahrscheinlich nach vier Wochen spüren. Ich habe meinen Mitgliedern gesagt, dass sie davon ausgehen sollen, dass sie zwischen drei und sechs Monaten arbeitslos sein dürften.“

Im Jahr 2004 wurde CNH letztmals bestreikt – seinerzeit waren rund 650 der 10.000 nordamerikanischen Mitarbeiter von der UAW gewerkschaftlich vertreten. Laut Guernsey werde die Gewerkschaft UAW-Beschäftigten 275 US-$ pro Woche an Streikgeld zahlen. Dies gelte auch für Neueinstellungen, die „eine Gewerkschaftskarte unterschrieben und sich entschieden haben, mit uns aus der Tür zu gehen“. „Am Ende des Tages gewinnt keine Seite bei einem Streik. Und der Kunde leidet“, so Guernsey.

Während der Telefonkonferenz von CNH Industrial zur Erläuterung der Ergebnisse des ersten Quartals 2022 am 3. Mai erklärte CEO Scott Wine, dass nach mehreren Wochen der Verhandlungen mit United Auto Workers (UAW), „wir in wichtigen Fragen sehr weit voneinander entfernt geblieben sind“. Und weiter: "Es werden 2 unserer 38 Werke bestreikt und somit sind weit unter 10 Prozent unserer weltweiten Produktion von dem Streik betroffen. Und wir betreiben das Werk weiter. Ich würde nicht sagen, dass die Prognose, die wir gerade gegeben haben, von irgendeinem Aspekt abhängig war.“

Für alle, die den Technik Talk letzte Woche nicht gelesen haben: CNH bestätigte die 2022er-Prognose, sprich die vorhergesagte Steigerung des Nettoumsatzes im Jahresvergleich um 10 bis 14 Prozent, einschließlich Währungsumrechnungseffekten, einen freien Cashflow von über 1,0 Mrd. US-$ sowie F&E- und Investitionsausgaben von rund 1,4 Mrd. US-$.

John Deere kostet Streikbeendigung bis zu 300 Mio. € zusätzlich
Im letzten Jahr wurde bekanntlich John Deere über einen Monat bestreikt. 10.000 von der UAW vertretene John Deere-Beschäftigte lehnten zunächst zwei vorläufige Tarifverträge ab, bevor sie den dritten mit 61 Prozent zu 39 Prozent der Stimmen ratifizierten. Die erste Vereinbarung wurde von 90 Prozent der UAW-Beschäftigten von John Deere abgelehnt. Während des Streiks erhielt Deere eine einstweilige Verfügung gegen streikende Arbeiter in bestimmten Fabriken, um deren Streikposten einzuschränken, und beendete die Verhandlungen einmal vollständig.

Anlässlich der Konferenz für das Geschäftsjahr 2021 gab Josh Jepsen, Director of Investment Relations bei John Deere, zu Protokoll: „Während des Sechsjahresvertrags werden die zusätzlichen Kosten zwischen 250 Millionen und 300 Millionen US-Dollar vor Steuern pro Jahr liegen, wobei 80 Prozent davon die Betriebsmargen beeinflussen.“ Die seitdem veröffentlichen Ergebnisberichte zeigen allerdings, dass der Konzern diese höheren Kosten weit überkompensieren konnte.

Ihr
Dieter Dänzer



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